Zuckerersatz im Experten-Check

Zuviel Süßes ist ungesund, aber ist Zuckerersatz wie Erythrit, Stevia und Co besser? Ein Interview mit Ernährungsexperte Sven David Müller.
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WIE EINFACH: Wenn ich auf Zucker verzichten will, finde ich eine große Produktauswahl. Welche Zuckerersatzstoffe sind denn aktuell in Deutschland zugelassen?


Sven-David Müller: Mittlerweile sind in Deutschland elf Süßstoffe und acht Zuckeraustauschstoffen zugelassen. Der Unterschied zwischen diesen Produkten: Süßstoffe sind künstlichen Ursprungs, haben eine Süßkraft, die bis zu 3000-fach höher als Zucker ist, aber sie liefern nahezu keine Kalorien. Süßstoffe werden insulinunabhängig verstoffwechselt. Auch Zuckeraustauschstoffe können ohne die Unterstützung von Insulin von unserem Körper verwertet werden. Ein Nachteil: Zuckeraustauschstoffe wirken bei übermäßigem Verzehr blähend und können Durchfall auslösen. Das freut den Zahnarzt: Beide Produkte wirken im Gegensatz zum Original nicht kariesfördernd.


WIE EINFACH: Besonders angesagt sind Erythrit, Xylit und Stevia. Würden Sie als Zuckerersatz bevorzugen?


Sven-David Müller: Stevia selbst gibt es nicht in der EU, sondern lediglich Steviolglykoside. Diese werden aus den Steviablättern in einem sehr aufwendigen Prozess gewonnen. Der Nachteil: Steviolglykosid kann nicht pur verwendet, weil der Geschmack sehr unangenehm ist. Deshalb wird es für den Handel mit Zucker, Zuckerausstoffstoffen oder Süßstoff vermischt. Eine Untersuchung der Stiftung Warentest ergab: Im Vergleich zum Original sparten die Steviaprodukte nur 25 bis 50 Prozent der Kalorien ein. Der Vorteil von Steviolglykosid: Es verursacht keinen Durchfall. Erythrit und Xylit sind Zuckeraustauschstoffe und geschmacklich gute Alternativen zum Zucker. Wer sie einsetzen will, muss allerdings tief ins Portemonnaie greifen: Ein Kilo Erythrit oder Xylit kosten circa 10 Euro, während dieselbe Menge Haushaltszucker für circa 65 Cent im Einkaufskorb landet.
Ich persönlich würde keines der Produkte bevorzugen, weil man mittlerweile weiß, dass kleine Mengen Zucker nicht schädlich für unsere Gesundheit sind. Außerdem kann es beim Verzehr von Zuckerersatz zu Verdauungsproblemen und anderen Nebenwirkungen kommen. Deshalb empfehle ich lieber weniger Zucker zu verzehren. Selbst Diabetiker können - wenn sie die Verzehrmenge in ihre Kohlenhydratberechnung einbeziehen -normalen Haushaltszucker verwenden. In so einem Fall ist der Kauf von Zuckerersatzstoffen eine persönliche Entscheidung.

WIE EINFACH: Viele Foodexperten empfehlen statt Haushaltszucker Honig, Agavendicksaft, Rohr-, Dattel- oder Kokosblütenzucker. Sind diese wirklich gesünder?


Sven-David Müller: Auch diese natürlichen Alternativen bestehen aus einer Verbindung von Zuckermolekülen wie etwa Glucose und Fructose. Sie sind chemisch betrachtet also sogenannte Disaccharide genau wie der gewöhnliche Zucker. Im Gegensatz zu diesem enthalten einige dieser Trendprodukte tatsächlich in minimalen Mengen weitere Nährstoffe wie etwa Vitamine oder Mineralien. Die Süßkraft und das Aroma sind zum Teil intensiver, sodass der Verbraucher mit dem Produkt unterm Strich weniger Glucose zu sich nehmen könnte. Leider zahlt man auch für Kokosblütenzucker und Co mehr. Nicht zu vergessen ist der Aspekt der Nachhaltigkeit. Kokosblütenzucker wird aus dem Blütennektar der Kokospalme gewonnen. Er stammt also ebenso aus Übersee, wie die Blätter der Steviapflanze. Der Transport hinterlässt im Vergleich zum Zucker aus heimischen Zuckerrüben einen großen CO2-Fußabdruck.

WIE EINFACH: Kann man sich die Lust auf Süßes abgewöhnen?


Sven-David Müller: Ja, das kann jeder von uns. Idealerweise reduziert man dabei aber nicht nur die Zuckerzufuhr, sondern verzichtet auch gänzlich auf Süßstoffe und Zuckeraustauschstoffe. Hier ein paar Tipps: Verdünnen Sie Säfte nach und nach mit einem immer größeren Wasseranteil, bis sie ganz auf den Genuss von Leitungswasser umschwenken. Verzichten Sie auf Fertigprodukte, denn in dieser Sparte sind selbst herzhafte Speisen oft wahre Zuckerbomben. Checken Sie deshalb beim Einkauf die Zutatenliste und den Nährstoffgehalt auf dem Etikett. Wichtig: Nicht immer steht Zucker auf der Verpackung. Auch hinter Bezeichnungen wie Saccharose, Dextrose, Raffinose, Glukose, Fruktosesirup, Glukosesirup, Karamell, Laktose, Maltose, Malzextrakt, Süßmolkepulver, Gerstenmalz oder Fruchtsüße verstecken sich jede Menge Kalorien aus Kohlenhydraten. Für Naschkatzen gilt: Versuchen Sie Süßigkeiten in kleinen Mengen bewusst zu genießen. Also das Stück Schokolade langsam im Mund schmelzen zu lassen, statt hastig die ganz Tafel zu mampfen.
Unser Experte: Sven David Müller
Sven-David Müller, MSc., ist Medizinjournalist, Schriftsteller und Gesundheitspublizist. Der staatlich anerkannte Diätassistent und Diabetesberater der Deutschen Diabetes Gesellschaft hat Applied Nutritional Medicine (Angewandte Ernährungsmedizin) studiert, ein Volontariat und eine Redaktionsausbildung absolviert. Sein Studium hat Sven-David Müller als Master of Science (MSc.) abgeschlossen. Für seine Leistung in der Ernährungsaufklärung wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz und der Ehrenmedaille für Kunst in Wissenschaft der Albert Schweitzer Gesellschaft ausgezeichnet. Mehr Infos über Sven David Müller





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