Geheimnisse: Was sie mit uns machen

Im Schnitt trägt jeder trägt jeder Mensch 13 Geheimnisse mit sich. Diese können sehr belastend sein. Wir verraten, wie wir uns von der Last befreien können.
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Foto: Nik Macmillan/Unsplash
Wir alle hüten das ein oder andere Geheimnis. Der US-amerikanische Psychologe Michael Slepian hat ermittelt, dass wir durchschnittlich 13 Geheimnisse mit uns herumtragen. Knapp die Hälfte davon haben wir noch nie einem anderen verraten. Das kann mitunter belastend sein. Im Folgenden erklären wir, welche Auswirkungen Geheimnisse auf unsere physische und psychische Gesundheit haben und wie wir lernen können, offener und ehrlicher durchs Leben zu gehen.

Der Schein trügt


Bekanntlich ist das Gras auf der anderen Seite immer grüner. Was nicht zuletzt daran liegt, dass Menschen Profis sind im Verschleiern und Beschönigen von Wahrheiten. Oftmals trügt der Schein und gerade hinter vermeintlich lupenreinen Familienfassaden können sich die größten Abgründe auftun. Manchmal jedoch ist es ungemein erleichternd, die Maske der Perfektion abzulegen und stattdessen ein wenig mehr Wahrhaftigkeit zuzulassen. Ganz besonders in Zeiten grotesk geschönter Instagram-Inszenierungen.
Ich selbst weiß noch sehr genau, wie erleichtert ich als Teenager war, als mein Vater mein 16-jähriges Ich damals unvermittelt fragte, wann ich denn eigentlich das letzte Mal geraucht hätte. Seine Frage traf mich wie aus heiterem Himmel, denn bis dato hatte ich geglaubt, dass meine Eltern nichts von meinem neuen "Hobby" mitbekommen hatten. Seine Direktheit zwang mich zu einem ehrlichen Geständnis und nahm mir schließlich ein bleischweres Gewicht von den Schultern. Übrigens war mein Vater nicht davon enttäuscht, dass ich angefangen hatte, zu rauchen, sondern darüber, dass ich ihm diesen Umstand verheimlicht hatte. Ein klarer Vertrauensbruch ...

Was genau versteht man eigentlich unter einem "Geheimnis"?


Der Psychologe Slepian und sein Team haben rund 13.000 Geheimnisse von ihren Probanden gesammelt und diese in insgesamt 38 Kategorien unterteilt - unter anderem in: Lügen, sexuelle Untreue, emotionale Untreue, sexuelle Orientierungen, Drogenkonsum, geheime Hobbys, Vertrauensbruch, Diebstahl, Finanzen, eine Schwangerschaft, eine Familienbegebenheit und so weiter. Per Definition umfassen Geheimnisse "Tatsachen, die nur einem beschränkten Personenkreis bekannt sind und an deren Geheimhaltung der Geschützte ein sachlich begründetes Interesse hat".

Haben Geheimnisse auch ihr Gutes?


Der bekannte Soziologe Georg Simmel war schon Anfang des 20. Jahrhunderts davon überzeugt, dass das "Geheimnis eine der größten Errungenschaften der Menschheit ist." Denn für die Autonomie eines Menschen (vor allem von Heranwachsenden) ist es enorm wichtig, ihren Mitmenschen (besonders den Eltern) nicht alles zu verraten. Und auch die amerikanische Psychiaterin Gail Saltz weiß: "Geheimnisse geben uns einen sicheren Hafen, der uns die Freiheit erlaubt, herauszufinden, wer wir sind." Im Alter von etwa vier Jahren beginnen wir, die Welt der Geheimnisse zu entdecken und machen von ihnen Gebrauch. Geheimnisse sind mitunter identitätsstiftend und wichtig zur gesunden Selbstabgrenzung und zur Erhaltung unsrer Privatsphäre. Wenn sie uns jedoch gedanklich zu sehr beschäftigen, können sie krank machen.

Geheimnisse lösen Stresssymptome aus


Häufig ist es die Angst vor Rückweisung, Abwertung und Kritik, die uns einen großen Bogen um die Wahrheit schlagen lässt (aus genau diesen Gründen hatte ich meinen Eltern damals mein Laster verschwiegen). Doch Geheimnisse haben eine nicht zu unterschätzende negative Auswirkung auf unsere Gesundheit. Den Grund dafür finden wir in unserem Hirn: Unsere beiden Gehirnhälften sind über den so genannten cingulären Kortex "verdrahtet". Der Kortex unterstützt unser Gehirn bei der Überwachung von Motivationen, dem sozialen Selbst und der Persönlichkeit. Das Verheimlichen von Tatsachen erzeugt dementsprechend Stress, da wir die ordnungsgemäße Funktion dieser Hirnregion unterdrücken. Stress, der sich unter anderem in Form von körperlichen Schmerzen, Energiemangel, sowie durch eine Abnahme des allgemeinen Wohlbefindens äußern kann.
Slepian und sein Team kamen übrigens zu der überraschenden Erkenntnis, dass uns gar nicht so sehr Schuldgefühle oder die Angst, verraten zu werden, belasten, sondern das Grübeln über das Geheimnis selbst. Geheimniskrämer verbringen dreimal mehr Zeit damit, über die konkreten Geheimnisse nachzudenken, als damit, sie zu verstecken. Mit dem Hüten eines Geheimnisses gehen also ein Unbehagen sowie Gefühle der Scham und Angst einher, die nicht nur zu körperlichen Beschwerden, sondern auch zu einem verringerten Selbstwertgefühl und zu einem Mangel an Sorglosigkeit und Unbeschwertheit führen können. Mit anderen Worten: Wir sind niemals frei von der Last, die wir uns selbst auferlegt haben.

5 Schritte, mit denen wir uns von belastenden Geheimnissen befreien können:



1. Tagebuch oder Postkarten schreiben
Eine Möglichkeit, sich von Geheimnissen zu befreien, besteht darin, sie in einem Tagebuch zu notieren. Danach erhöht sich eventuell die Bereitschaft, sein Geheimnis mit einer Vertrauensperson zu teilen. Wie hilfreich und heilend das schriftliche Fixieren von Geheimnissen sein kann, beweist die Webseite Post Secret: In den vergangenen zehn Jahren haben mehr als eine Millionen (!) Menschen, schriftliche, gekritzelte und collagierte Geheimnisse auf einer Postkarte an Frank Warren, den Betreiber der Webseite, geschickt. Was als lustiges Kunstprojekt begann, hat sich inzwischen zur weltweit größten öffentlichen Beichtaktion entwickelt. Tipp: Vielleicht können Sie Ihr Geheimnis ebenfalls auf einer Postkarte (oder in einem Brief oder einer Email) zum Ausdruck bringen und vielleicht haben Sie sogar den Mut, dieses einer bestimmtem Person zuzuschicken?

2. Mut zu Authentizität
Das Zulassen und Zeigen von Ecken und Kanten und eine damit einhergehende authentische Lebenshaltung haben erwiesenermaßen einen positiven Einfluss auf unser Wohlbefinden. Denn wir befreien uns vom (selbstauferlegten) Performance-Druck und sind plötzlich nicht mehr alleine mit diesem Thema. Wichtig: Es muss ja nicht gleich der komplette Freundeskreis eingeweiht werden - eine wichtige Bezugsperson, der man sich anvertraut, kann bereits enorm entlastend wirken.

3. Verletzlichkeit zulassen
Das Schöne: Je authentischer und damit auch verletzlicher wir uns geben, desto ehrlicher wird uns in der Regel auch unsere Umwelt begegnen und eventuell sogar erleichtert ebenfalls das ein oder andere Geheimnis mit uns teilen. Merke: Die eigentlich Starken sind die, die ihre Schwächen zeigen können. Bestes Beispiel ist der ehemalige US-Präsident Barak Obama, der sich nicht schämte, während eines Aretha Franklin-Konzertes vor aller Welt seinen Tränen freien Lauf zu lassen und seiner Ergriffenheit Ausdruck zu verleihen. Während Machtmenschen wie Donald Trump (der permanent den Starken markiert) wahrscheinlich mehr Geheimnisse auf seinem Gewissen hat, als ihm nachzuweisen ist.

4. Verbundenheit fühlen
Sharing is caring: Das bewusste Zulassen und Zeigen von Unzulänglichkeiten (beispielsweise dem Eingestehen, dass man ein Alkoholproblem hat), ist der erste wichtige Schritt in Richtung Heilung. Im Idealfall reift mit der Zeit die Erkenntnis, dass niemand frei von Fehlern und Mängeln ist. Und genau diese Erkenntnis kann eine ungemein erleichternde und vor allem verbindende Wirkung haben. Denn letztendlich sitzen wir alle im selben Boot. Wir alle haben mal mehr, mal weniger mit den Herausforderungen, die das Leben an uns stellt, zu kämpfen. Und gemeinsam sind wir eindeutig stärker.

5. Therapie und Coaching
Eines der wichtigsten Merkmale, das uns Menschen von der Tierwelt unterscheidet, ist die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Allerdings gehört eine Portion Mut und Wille dazu. Nur wer sich bewusst mit seinen Schattenseiten auseinandersetzt, hat die Möglichkeit, innerlich zu wachsen und mit alten, unliebsamen Themen abzuschließen. Inzwischen gibt es zahlreiche professionelle Angebote, die unsere Persönlichkeitsentwicklung und Selbstkenntnis fördern können. Der Therapeutenfinder beispielsweise bietet ein umfangreiches, deutschlandweites Verzeichnis von Therapeuten, Heilpraktiker, Psychologen und Coaches.

Fazit: Geteilte Geheimnisse können Brücken bauen
"Geheimnisse sind universell", verriet Frank Warren von Post Secret dem Online Medium BuzzFeed im Jahr 2014. "Ich gehe zu meinem Briefkasten und Geheimnisse kommen aus verschiedenen Ländern, verschiedenen Kontinenten. Sie alle drücken die gleichen Tabus aus sowie Sehnsucht, Herzschmerz und Hoffnung. Wir denken, dass Geheimnisse uns trennen und uns anders machen. Aber wenn Sie den Mut finden, sie zu teilen, zerbrechen wir diese Illusion. Wir sehen, dass Geheimnisse keine Mauern sind, sondern Brücken."