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Einmischen - ja oder nein?

Manchmal weiß man einfach nicht, wie man sich richtig verhalten soll. Tatenlos zusehen, wenn die Arbeitskollegin schikaniert wird? Wenn der minderjährige Sohn der besten Freundin Alkohol trinken will? Vier Fälle und vier Experten, die Tipps geben, wann man sich einmischen soll.

Einmischen - ja oder nein?
Foto: plainpicture/B. Ködel

1. Grenzüberschreitung am Arbeitsplatz



»Also, Frau Schneider, so blöd wie Sie sich anstellen, stellt sich die Frage, was Sie hier überhaupt zu suchen haben.« Mit diesen Worten reißt der Personalchef der neuen Kollegin die Mappe aus der Hand und verlässt das Büro. Während sie vor Scham im Boden versinkt, sind die unfreiwilligen Zuhörer ratlos, wie sie mit dieser wiederholten Respektlosigkeit adäquat umgehen sollen. Den gemeinsamen Chef unter vier Augen zur Rede stellen oder so tun, als hätten sie nichts gehört? Was kann man der Kollegin empfehlen, beziehungsweise, wie kann man ihr helfen, ohne dabei selbst ins Visier des Chefs zu geraten, der auch der eigene Vorgesetzte ist?

Das rät der Experte
Klaus Verhoeven, Anwalt mit Tätigkeitsschwerpunkt Arbeitsrecht in der Gelderner Kanzlei Verhoeven & Partner: »Mobbing ist eine extreme Art von Verletzung der menschlichen Würde. Nicht ohne Grund leiden Mobbing-Opfer auch Jahre später noch unter diesen Erfahrungen. Man sollte sich also sofort mit der Kollegin zusammensetzen und rückmelden, dass man die Situation ähnlich grenzverletzend empfindet und für völlig unakzeptabel hält. Bestärken Sie sie, sich an den Betriebsrat oder eine höhere Instanz zu wenden. Dabei kann man auch seine Unterstützung anbieten. Wenn es keine Hilfe gibt, bleibt der Gang zum Rechtsanwalt und nötigenfalls zum Arbeitsgericht. Auf diesem Wege können mögliche Unterlassungsansprüche durchgesetzt werden, wenn dem betroffenen Mitarbeiter etwa schikanöse Arbeiten auferlegt wurden. In Ausnahmefällen kommt sogar die Durchsetzung von Schmerzensgeld- beziehungsweise Schadensersatzansprüchen in Betracht. Weitere hilfreiche Informationen finden Sie im Netz unter folgender Adresse: mobbing-web.de.


2. Psychisch kranke Nachbarin



Schon beim Aufschließen der Haustür ist nicht zu überhören, dass die Nachbarin im dritten Stock rechts offensichtlich wieder durchdreht. Lautes Schreien schallt durch das Treppenhaus, gepaart mit ohrenbetäubendem Beat, der durch die angelehnte Wohnungstür dringt. Inzwischen sind alle Hausbewohner über die ärztlich diagnostizierte Psychose der Mieterin informiert und hoffen eigentlich nur, dass die regelmäßigen Aussetzer mit Tabletten zu therapieren sind. Dazwischen hat sie zwar immer wieder auch klare Momente, in denen sie sich für den Lärm entschuldigt, aber die Zeit zwischen den Ausrastern wird immer kürzer und die Ausschläge immer heftiger. Wie sollte man sich verhalten?

Das rät der Experte
Psychologin Prof. Dr. Veronika Brandstätter- Morawietz: »Ich würde mich bei einer Beratungsstelle einer psychiatrischen Klinik oder bei einem niedergelassenen Psychiater erkundigen, was für die Nachbarin in solchen Situationen die beste Strategie wäre. Wenn man befürchten muss, dass die Nachbarin sich selbst oder andere schädigt beziehungsweise bedroht, sollte man sofort die Polizei verständigen, die ihrerseits die entsprechenden Rettungskräfte alarmieren wird. Insgesamt sollte man trotz dieser sicherlich für die gesamte Hausgemeinschaft enormen Belastung respektvoll und freundlich mit der erkrankten Nachbarin umgehen und ihr Hilfsbereitschaft in kleinen alltäglichen Dingen signalisieren. Freundliche Zugewandtheit wird möglicherweise auch dazu beitragen, dass gewisse Krisensituationen abgemildert werden und die Krankheitssymptome weniger häufig auftreten.«


3. Einmischen in die Erziehung anderer



Just in dem Moment, in dem man die Bar verlassen möchte, in der man sich nach der Arbeit mit Kollegen getroffen hat, stolpert plötzlich der 15-jährige Sohn einer sehr guten Freundin hinein und steuert - offensichtlich in angetrunkenem Zustand und in Begleitung von zwei halbstarken Jungs - die Bar an. Wann ist man verpflichtet, sich einzumischen und Verantwortung zu übernehmen und wann überschreitet man Grenzen und verletzt Privatsphären?

Das rät der Experte
Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort, leitender Direktor der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychatrie am Universitätskrankenhaus Hamburg: »Einmischen ist aus meiner Sicht nicht die angemessene Haltung. Selbstverständlich empfehle ich, immer dann Verantwortung zu übernehmen, wenn man etwas beobachtet, was nach eigener Einschätzung selbst- oder fremdgefährdend ist oder werden kann. Viel zu oft wird nicht hingeschaut, wird nicht informiert - aus falscher Scham oder missverstandener Rücksicht. Vorsicht ist allerdings immer dann geboten, wenn das eigene Verhalten grenzüberschreitend ist, mich tatsächlich nichts angeht. Das kann manchmal ein ziemlich schmaler Grat sein.«


4. Belästigung in der U-Bahn



Man sitzt noch halb verschlafen in der S-Bahn und wird plötzlich Zeuge, wie ein junger Mann in demselben Abteil von drei anderen Männern angepöbelt und belästigt wird. Einerseits spürt man, dass gerade Unrecht geschieht, andererseits ist man selbst verängstigt und befürchtet, dass die Situation jederzeit eskalieren könnte. Die anderen Reisenden schauen weg und tun so, als gäbe es diese laut pöbelnden Männer gar nicht. Wie verhält man sich in solch einer Situation?

Das rät der Experte
Holger Vehren, Polizeisprecher der Polizei Hamburg: »Die wichtigste Regel lautet: ›Ich helfe, ohne mich selbst in Gefahr zu bringen‹. Außerdem sollten Sie andere direkt zur Mithilfe auffordern - am besten mit direkter Ansprache: »Sie mit dem roten Pullover, könnten Sie mir behilflich sein und …« Je mehr Leute mitbekommen, was passiert, desto besser. Hilfreich ist auch, sich Täter-Merkmale genau einprägen, sodass Sie sich später als Zeuge zur Verfügung stellen können. Unter der Nummer 110 sind Sie direkt mit der Polizei verbunden.«


Von Lesley Sevriens


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