Patchwork-Familie: Wie sie gelingen kann

Das Modell Patchwork-Familie ist heutzutage längst keine Seltenheit mehr. Wir verraten, wie das Zusammenleben mit neuen Partnern und Kindern gelingen kann.
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Foto: Julie Johnson/Unsplash
"Nicht schon wieder", dachte ich nur, als mein 9-jähriger Sohn im ersten gemeinsamen Urlaub in neuer Patchwork-Konstellation wegen Nichtigkeiten mehrfach hintereinander gemaßregelt wurde. Eigentlich hatte ich mich für lässig genug gehalten, souverän und erfahren mit der Situation umzugehen. Mitnichten. "Entspann dich einfach mal und lass ihn in Frieden," blaffte ich meinen Freund an, in Ton und Duktus völlig neben der Spur, was sein Blick auch sofort widerspiegelte. Plötzlich fühlte es sich so an, als würde ein unsichtbarer Natodraht das gemeinsam gemietete Ferienhaus in zwei feindliche Lager teilen. Von unserem liebevollen und respektvollen Miteinander schien in dem Moment ganz schön wenig übrig geblieben zu sein.

Die Wahrheit ist: Patchwork ist kein Bullerbü. Und auch keine Brady-Family-Soap mit entspannten, "neuen", coolen Eltern und Patchwork-Kindern, die dickste Freunde werden und die Klippen des Heranwachsens gemeinsam umschiffen. Patchwork ist harte Arbeit, Kompromissbereitschaft und Konzilianz.

Fakten & Zahlen zur modernen Patchwork-Familie


Wie viele es versuchen und wie selten es dauerhaft gelingt, die unterschiedlichen Bedürfnisse, Erfahrungen und Erziehungsstile in harmonische Schwingungen zu bringen, spiegeln auch Umfragen wider: Laut Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend leben (je nach Datenquelle) etwa 7 bis 13 Prozent der Familien in Deutschland in Patchwork. Dementsprechend ist etwa jede zehnte Familie ein Patchwork-Konstrukt. In der Theorie wird die Lebensform Patchwork-Familie häufig zu einem Großfamilien-Idyll verklärt, doch die Realität sieht anders aus. Denn es handelt sich dabei um ein komplexes und fragiles Familiengeflecht. Patchwork-Paare haben ein um zehn bis zwanzig Prozent erhöhtes Trennungsrisiko gegenüber Paaren, die nur gemeinsame Kinder haben. Hauptgrund: Viele Paare haben beim zweiten oder dritten Mal eine zu hohe Erwartungshaltung und lassen sich mit dem Zusammenziehen zu wenig Zeit. Das führt dazu, dass Anpassungsprozesse häufig "übers Knie gebrochen" werden und Konfliktthemen zu ernsten Auseinandersetzungen führen. Zwar nehmen sich Paare, die eine neue Familie gründen, fest vor, die alten Fehler nicht zu wiederholen. Aber interessanterweise ist häufig das Gegenteil der Fall: Neben dem üblichen Zündstoff über Arbeitsteilung, Freizeit und Geld haben Patchwork-Eltern noch ein weiteres dickes Brett zu bohren: die eigene Vergangenheit und die des anderen. Ein(e) nervige(r) Ex, der/die dauernd quer schießt, die Frage, in welcher Konstellation Weihnachten oder Geburtstage gefeiert werden, alles bedarf einer weiteren Runde an Abstimmungen. Das macht das Zusammenleben komplizierter und kann auf Dauer echt belasten.

Spagat zwischen Eltern- und Partnersein


Und noch etwas kommt dazu: Liebe und Zweisamkeit sind schwerer zu leben. Man bekommt keine taufrischen Single-Partner mehr, sondern Menschen mit Beziehungsgeschichte und ihrem mehr oder weniger umfangreichen Anhang. Man selbst schleppt auch seine eigene Geschichte mit sich herum und ist mitunter schneller bereit, einen Trennungsstrich zu ziehen, wenn es zu kompliziert zu werden droht.

Es ist wirklich so: Alle Beteiligten und im Besonderen die Kinder müssen enorme Anpassungen leisten: Angefangen vom Zimmer, in das eventuell ein anderes Kind mit einzieht, über den neuen Lebenspartner, den man plötzlich an der Seite eines Elternteils ertragen muss bis hin zu unfreiwilligen Umzügen, die damit verbunden sind, dass Kinder aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen werden. Aus Perspektive der Eltern gehören zu diesen Anpassungsleistungen unter anderem die Konfrontation mit neuen Erziehungsstilen, die unter Umständen als übergriffig empfunden werden, die eventuelle Abneigung seitens der Stiefkinder oder aber Sorgerechtstreitereien mit dem Ex-Partner. Ein Spaziergang ist das nicht, aber es gibt ein paar wirklich gute Tipps, wie es trotzdem gelingen kann.

10 goldene Regeln für Patchwork-Familien


Die folgenden 10 Regeln helfen, die Begleiterscheinungen zu minimieren und ein konstruktives und respektvolles Zusammenleben in einer Patchwork-Konstellation zu fördern.

1. Der wichtigste Grundsatz vorweg: Es gibt keine Patentrezepte, sondern lediglich individuelle Lösungen.
2. Ein wichtiger erster Schritt besteht darin, die eigenen Erwartungshaltungen - dem neuen Partner, den eigenen und fremden Kinder gegenüber - runterzuschrauben und stattdessen die Kompromissbereitschaft zu erhöhen. Denn Kompromissfähigkeit, Toleranz und Akzeptanz sind der Klebstoff, der Patchwork-Familien zusammenhält.
3. Nichts überstürzen: Statt Hals über Kopf mit dem neuen Lebenspartner zusammenzuziehen und dabei womöglich die Wünsche der Kinder zu übergehen, empfiehlt sich ein behutsames Bekanntmachen. Erste gemeinsame Unternehmungen mit dem neuen Partner (und dessen Kindern) können helfen, zarte Bande zu schmieden.
4. Wo wir auch schon beim nächsten wichtigen Punkt wären: Um (Loyalitäts-)Konflikte zu vermeiden, sollte der neue Partner nicht versuchen, den Vater oder die Mutter zu ersetzen, sondern sich stattdessen darum bemühen, eine respektvolle Freundschaft aufzubauen.
5. Teamwork: Statt im Alleingang Nägel mit Köpfen zu machen, sollten Sie gemeinsam mit ihren Kindern, sofern sie alt genug sind, überlegen, wie eine gemeinsame Zukunft aussehen könnte.
6. Dazu gehört unbedingt auch das Einigen auf gemeinsame Regeln, wie Mithilfe im Haushalt, das Besprechen essentieller Erziehungsthemen, Geldfragen, etc. Die Kompetenzen zwischen den Partnern sollten im Vorfeld klar aufgeteilt und Wünsche und Vorstellungen deutlich formuliert werden.
7. Ein ehrlicher Austausch sowie eine liebevolle Auseinandersetzung innerhalb der neuen Familie sind essentiell, um die Bedürfnisse der anderen im Blick zu behalten - und zwar nicht nur zu Beginn der neuen Beziehung, sondern auch auf lange Sicht. Merke: Stetige Gespräche ölen die Beziehungen.
8. Auch feste Rituale, wie beispielsweise eine Art Familienstammtisch können dazu beitragen, dass sich die bunt zusammengewürfelte Familie nach und nach zu einer neuen, soliden Einheit entwickelt.
9. Gewähren Sie sich gegenseitig ausreichend Freiräume. Auch wenn Sie Ihren neuen Partner (und seinen Anhang) heiß und innig lieben, resultiert daraus noch lange nicht die Notwendigkeit, fortan alles gemeinsam zu unternehmen. Vielleicht wären sogar getrennte Wohnungen denkbar und letztendlich viel befruchtender? Bleiben Sie offen für neue und ungewohnte Formen des Zusammenlebens!
10. Scheuen Sie sich nicht davor, sich professionelle Hilfe an Bord zu holen: Konflikte mit den neuen Familienmitgliedern und/oder Ex-Partner lassen sich mit einer begleitenden Familienberatung oft wesentlich konstruktiver lösen. Zudem kann eine Beratung helfen, verkrustete Strukturen aufzuweichen und Versöhnungen herbeizuführen.

Im Idealfall erwächst mit der Zeit eine neue Familie, in der die Mitglieder lernen, wie (überlebens-)wichtig es ist, Kompromisse einzugehen und wie bereichernd es sein kann, sich auf neue Lebensumstände einzustellen. Damit bekommen besonders Kinder und Jugendliche ein Rüstzeug in die Hand, von dem sie ein Leben lang profitieren können.

WIE EINFACH-Tipp:
Das Bundesministerium für Familie und Jugend bietet unter anderem auch Broschüren und Hilfestellungen für Patchwork-Familien an.